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Vortrag von Dr. J. Kanne an der Volkshochschule (VHS) Ratingen am 10.11.2010

Salam Aleikum – Friede sei mit Ihnen.  Das klingt auf Deutsch etwas ungewohnt, zumindest von einem Laien gesprochen. Alle Moslems begrüßen sich so – oft in der Kurzform „Salam“ (Frieden). Ähnlich auch Israelis, allerdings „Schalom“. FRIEDEN zu haben, in einer friedlichen Umwelt ohne kriegerische Auseinandersetzungen zu leben, ist  einer der größten Wünsche aller Menschen weltweit.
 Frieden und Sicherheit sind wichtige Voraussetzungen für den Wiederaufbau einer Zivilgesellschaft in Afghanistan. Wissen Sie, dass ein 1975 in Afghanistan geborener und dort heute noch lebender  35-jähriger Afghane kaum ein Jahr ohne Krieg, Bürgerkrieg („Bruderkrieg“) oder Terror erlebt hat?

In der Zeit gab es allerdings 1996 bis zum Spätherbst 2001 - fünf Jahre relativer Ruhe; manche sagen „Friedhofsruhe“. Das war die „Taliban-Zeit“ – Fundamentalismus schlimmster Ausprägung. Viele haben offenbar vergessen wie das war. Ist vielleicht gut, dass die Menschen Schlimmes vergessen – wie auch in Deutschland einige Landsleute in den Neuen Bundesländern die vergangene DDR reichlich verklärt sehen. Ich selbst hatte 1999 14 Tage lang „Taliban-Afghanistan“ erleben können, wie das war und vielleicht wieder werden würde, wenn die Taliban erneut die Macht erringen könnten. Dazu später ein paar Anmerkungen.

Was ist überhaupt Fundamentalismus? (Später werden wir der These nachgehen, dass eine umfangreiche Bildung dagegen etwas ausrichten könnte). 

Erstmals tauchte das Wort auf in einer Schriftenreihe von 1909 „The Fundamentals – A Testimony to the Truth“ – zusammengestellt von Reuben Archer Toney; 

1910: Generalkonferenz der presbyterianischen Kirche mit biblizistischer Auslegung der Bibel, eng an den Urtext gebunden, dass andersdenkenden Christen ihr Christsein abzusprechen sei.
 

Laut Wikipedia: Im weitesten Sinne wird als fundamentalistisch eine religiöse oder weltanschauliche Bewegung bezeichnet, die eine Rückbesinnung auf die Wurzeln einer bestimmten Religion oder Ideologie fordert, welche notfalls mit radikalen und teilweise intoleranten Mitteln durchgesetzt werden soll“ – Fundamentalismus ist eine „grundsätzliche Gegenbewegung gegen die Moderne“; sie „sieht die grundlegenden Prinzipien einer Religion durch Relativismus, sexuelle Selbstbestimmung, Pluralismus, Historismus, Toleranz (ich ergänze: Demokratie) und das Fehlen von Autorität  gefährdet.. Er (Fundamentalismus) propagiert die Rückkehr zu traditionellen Werten und striktes Festhalten an religiösen Dogmen..“ – „Typisch für ihn ist, dass er die in westlichen Ländern übliche Trennung von Kirche und Staat aufgibt, um seine Ziele auch mit politischen Mitteln (ich ergänze: auch mit Mitteln der Gewalt) durchsetzen zu können.“- „Charakteristisch für den Fundamentalismus ist ferner die oft kritiklose Rezeption heiliger (Ur-)Texte bzw. die Ablehnung kritischer, wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit religiösen Texten.

 

30-jähriger Krieg (1618-1648), im wesentlichen auch ein Religionskrieg mit Christen auf beiden Seiten, d.h. der Katholischen Liga und der Protestantischen Union. Christliche Priester oder Pfarrer segneten auf beiden Seiten die Waffen und „erbaten“ (er-bitten oder er-beten) Gottes Segen und Unterstützung.

 

Nordirland-Konflikt (1969-1998) – fast 30 Jahre!

 

Neben christlichem Fundamentalismus auch:

 

v  Mormonischer Fundamentalismus

v  Jüdischer Fundamentalismus und

v  Islamischer Fundamentalismus – unser Thema!

 

Fundamentalistische Selbstmordattentäter im Irak, in Pakistan oder Afghanistan – gegen muslimische Glaubensbrüder, Schiiten gegen Sunniten und umgekehrt. Warum gibt es nicht – ausgehend von islamischen Gelehrten – eine geistige Auseinandersetzung darüber? Der Islam ist doch eher eine friedliebende Religion, die gegen Gewalt und Terror ausgerichtet ist. 

Man kommt durchaus an die geistigen Führer des islamischen Fundamentalismus heran. Reinhard Erös hat das bewiesen. In seinem Buch „Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen“ berichtet er in dem Kapitel „In der Löwengrube“ (S. 293 ff.) freimütig von seinem Besuch einer der größten und radikalsten Madaris Pakistans, der „Haqqania“ in der unscheinbaren Kleinstadt Akora Katthak zwischen Islamabad und Peshawar. Zu einem ausführlichen Gespräch eingeladen wurde Reinhard Erös vom Madrassa-Rektor, Sami ul-Haq. 20 Jahre in den 80-er und 90-er Jahren habe diese Madrassa 25.000 (radikale) Koranschüler hervorgebracht. Bei der Eroberung Afghanistans durch Mullah Omar und seine „Gotteskrieger“ waren diese fanatischen Koranschüler, die weitgehend als Kriegswaisen ohne Mutterliebe in pakistanischen Flüchtlinslagern aufgewachsen waren, stets an der Frontlinie. Jeder dritte Minister des „Islamischen Emirats Afghanistan“ war Absolvent der Madrassa von Akora Khattak. 

Ist von namhaften muslimischen Gelehrten, vielleicht von der Al-Aksa Moschee in Kairo, der Versuch unternommen worden, mit diesem einflussreichen Mann über den „wahren

Islam“ zu diskutieren? Vielleicht könnte man über geeignete Verbindungen auch das Oberhaupt des einflussreichen „Al-

Azhar-Islam-Instituts in Kairo, Scheich Mohammad Sajjid Tantawi, für ein solches Gespräch gewinnen. Dieser einflussreiche ägyptische Gelehrte würde vielleicht bestätigen, dass die Selbstmordattentäter, die als afghanischer Bauer oder Bettler verkleidet sind und unschuldige Männer, Frauen und Kinder mit in ihren Tod reißen, nicht im Einklang mit dem heiligen Koran handeln. Im übrigen erwarten sie als Belohnung, dass ihnen im Paradies 99 Jungfrauen zur Verfügung stehen – welch ein Stress erwartet diese armen Männer! Und welches Leid tut man diesen armen Jungfrauen an, die das sicherlich nicht als „paradiesisch“ empfinden...?

 

Gern würde ich auch mein Anfang September 1999 („Taliban-Zeit“) mit dem damaligen Rektor der Kabuler Universität, Maulawi Pir Mohammad Rohany, fortsetzen, das damals mein Freund und Bruder Prof. Shahidi, seit Jahren als Professor der BWL und als Staatssekretär im „Ministry of Economy“, arrangiert hatte. Den Kontakt zu diesem gebildeten Mann, der – zumindest damals – das Vertrauen der Taliban besaß, könnte ich herstellen. Eine geistige Auseinandersetzung ist besser als der Einsatz von High-Tech-Waffen, die oftmals Unschuldige treffen und damit den Hass auf die angeblichen „Helfer“ erhöhen, die inzwischen eher als „Besatzer“ angesehen werden.

 

Mullah Omar soll angeblich in der Nähe von Quetta residieren. Es scheinen Gespräche mit ihm zu laufen – angeblich sei er allerdings gegen eine Taliban-Beteiligung an der afghanischen Regierung – solange noch ausländische Soldaten im Lande seien. Wir können wohl eher davon ausgehen, dass Mullah Omar  abwarten wird, bis die Taliban-Kämpfer, die von den Amerikanern auf 25.000 – 45.000 geschätzt werden, den Taliban eine Mehrheitsbeteiligung erkämpft haben werden, zumal man bei diesen sicherlich sorgfältig registriert, dass die Menschen in den demokratisch strukturierten ISAF-Ländern über ihre Parlamente zunehmend gegen eine Fortsetzung des

militärischen Einsatzes sind. Was dann in einem erneut von den Taliban beherrschten Afghanistan stattfinden wird, können wohl nur wenige Experten beurteilen. Ich gehe von den Zuständen aus, die ich dort 1999 vorgefunden hatte. Wir wissen im übrigen nicht, wie Mullah Omar zu der Terrororganisation Al-Quaida heute steht. Man könnte ihn ja in Quetta treffen und befragen. Osama Bin Laden soll im übrigen auch seit Mitte der 90-er Jahre mit einer Schwester von Mullah Omar verheiratet sein. Eine nette Familie!      

 

Was bedeutet „islamischer Fundamentalismus“? Das war in der Taliban-Zeit in Afghanistan 1996-2001 zu sehen. Organisierter Zwang des Betens, des Moschee-Besuchs (gegen Abend vorübergehende Schließung von Restaurants) Unterdrückung der Frauen, für sie keine berufliche Tätigkeit – mit Ausnahme als Krankenschwester, notfalls auch als Ärztin, aber keine Studienzulassung. Totales Musikverbot. Was heute in Saudi-Arabien praktiziert wird, kann in Riad studiert werden. Haben Sie schon mal Berichte über dort tatsächlich stattfindende Steinigungen von Frauen gelesen? Auch dort – wie früher unter den Taliban in Afghanistan . wird eine vergewaltigte Frau mehr bestraft als der Vergewaltiger. Begründung: sie hat durch ihre weiblichen Reize den armen Mann verführt. Dazu berichtete mir mein Freund Shahidi, wie er 1999 selbst gesehen habe, dass ein Religionswächter (MA des „Ministeriums zur Förderung der Tugend und Bekämpfung des Lasters“) eine mit Burka bekleidete Frau geschlagen habe. Auf Anfrage, warum er dies mache, habe dieser geantwortet: „Mir hat ihr Gang nicht gefallen“  (sic!)

 

Absurd fand ich zudem das Verbot einer bildlichen Darstellung von Lebewesen, was einen Fachmann für Werbung und Marketing zur Verzweiflung treiben könnte. Kurzum, wer für sein Land wie Afghanistan den Anschluss an die Moderne der Neuzeit, die Einbeziehung in die Weltgemeinschaft wünscht, kann islamischen Fundamentalismus nur ablehnen. Verboten

sind alles, was weltliche Freude macht (Drachensteigen lassen, Schach etc.). Gegen einen solchen „Steinzeit-Islam“ zu setzen ist die umfassende BILDUNG, die auf allen Stufen von Grundschule-Oberschule-Universität-Berufsschule der Gesell- schaft zu vermitteln ist, um die Menschen resistent zu machen gegenüber dem Werben islamistisch- fundamentalistischer Glaubensbrüder. Gegen eine etwas strengere islamische Lebensform als derzeit in Kabul praktiziert, kann man dagegen nichts einwänden.

 

Hier angemerkt sei jedoch, dass – Gott sei Dank – eine sicherlich deutliche Mehrheit der Moslems und Christen grundsätzlich eher gemäßigt denkt und handelt. Beide Gruppen – übrigens auch die der Taliban – können folgender Aussage zustimmen, die Religion und Bildung miteinander verbinden:

 

Wie eine Kerze sollt ihr

für die Wissenschaft brennen.

Ohne sie kann man nicht GOTT erkennen.

 

Diesen Spruch fand ich nämlich im August 1999 – also der „Taliban-Zeit – im Eingangsbereich der Waisenschule des Dorfes Langar, im Chak-Tal, Provinz Wardak, ca. 7 km entfernt von dem deutschen Krankenhaus von Karla Schefter, das dort seit 1989 erfolgreich betrieben wird.

Christen und Moslems werden auch dem persischen Dichter Sa´di zustimmen können:

Als Adams Nachfahr´n sind wir eines Stammes Glieder.

Der Mensch schlägt in der Schöpfung als Juwel sich nieder.

Falls Macht des Schicksals ein Organ zum Leiden führt,

sind alle andern von dem Leid nicht unberührt.

Wenn niemals Du in Sorge um den andern brennst,

verdienst Du nicht, dass Du Dich einen Menschen nennst.

 

Positiv war sicherlich in der „Taliban-Zeit“ Afghanistans, dass –  Kriminalität und Korruption drastisch abnahmen. Was viele heute nicht mehr wissen, auch der Drogenanbau und –handel ging in der Taliban-Zeit auf ca. 400 jato zurück; heute sind es über 6.000 t. Das Reisen innerhalb des Landes war nicht so gefährlich wie heute, denn es sind heute nicht nur Taliban bzw. Extremisten unterwegs, auch kriminelle Banden treiben wieder ihr Unwesen, so dass nicht nur Ausländer mit Entführungen oder Schlimmerem rechnen müssen, sondern auch über Land reisende Afghanen. Aber es war eine „Friedhofsruhe“! 

 

Allerdings gab es durchaus auch öffentlich geförderte Bildungsmaßnahmen, jedoch nur für die Jungen. So besuchte ich 1999 mehrere Schulen in Kabul und der Provinz Wardak. Beeindruckend war auch der Besuch verschiedener Klassen der Amani-Oberrealschule, Diese Eliteschule war vor 86 Jahren (15.04.1924) von König Amanullah gegründet worden und wurde seitdem von Deutschland finanziell und durch Entsendung deutscher Lehrer unterstützt. Deutsch war in den naturwissenschaftlichen Fächern sowie in Mathematik, Philosophie und Logik Unterrichtssprache. Zum Curriculum gehörte auch die humanistisch-abendländische Tradition, so dass die Schüler weltoffen gebildet wurden; viele von ihnen erreichten später wichtige Positionen im Staatsdienst sowie in der Wirtschaft, nachdem sie nach dem Abitur erfolgreich die Universität Kabul besucht hatten. Von 1962 bis 1976/77 gab es an zwei Fakultäten, der Wirtschaftsfakultät und der Naturwissen-schaftlichen Fakultät eine enge - vom deutschen Staat finanziell geförderte - Partnerschaft mit den deutschen Universitäten Bonn, Bochum und Köln. Kein Wunder, dass es

in den 60- und 70-er Jahren viele afghanische Minister oder auch Unternehmer und Bankpräsidenten - gab, die perfekt Deutsch sprachen. Nach dem Aufbaustudium in Deutschland kamen viele von ihnen auch mit deutschen Frauen nach Hause.

 

Bei meinem Besuch im September 1999 war allerdings der Direktor der Amani-ORS ein Talib, der uns, eine deutsche Besuchergruppe unbedingt zum Tee einladen wollte. Als Gastgeschenke für „seine“ Schule konnte ich eine umfangreiche Sachspende des Klett-Verlages Stuttgart überreichen. Die Sachbücher wurden dann allerdings vor der Verteilung an die Schüler erst vom Religionsministerium

„überarbeitet“, d.h. vor allem bei den Biologiebüchern wurden sämtliche Darstellungen von Menschen und Tieren geschwärzt, da der „erzkonservative“ Islam der Taliban die bildlichen Darstellungen von Lebewesen untersagt. Das war ja auch der Grund, warum 2000/2001 die weltberühmten Buddha-Statue von Bamyan und Tausende von Skulpturen aus buddhistischer Zeit Afghanistans in den Museen vernichtet worden waren. 

 

Um heute die uns weitgehend unverständliche „Taliban-Zeit“ Ende der 90-er Jahre noch etwas zu beleuchten, möchte ich aus der Zeitschrift „Der Überblick“ (Nr. 2/1988) einen Artikel von Dr. h.c. Ernst-Albrecht von Renesse zitieren: „Kämpfer gegen die Moderne. Die Taliban zwingen Afghanistan eine Ordnung der Intoleranz auf“: „Die Taliban üben in Afghanistan eine Herrschaft aus, die das gesamte Alltagsleben und besonders das der Frauen äußerst strengen, angeblich islamischen Regeln unterwirft. Es geht jedoch fehl, ihr Regime als Rückfall in das Mittelalter zu verstehen. Es ist eine Reaktion auf Versuche der Zwangsmodernisierung, auf die Zerrüttungen des Bürgerkriegs und auf das kriegsbedingte Vordringen von moderner Technik nach Afghanistan. Diese Umbrüche konnten nicht angemessen kulturell verarbeitet werden, zumal die gebildete Elite das Land verlassen hat. So lösten sie eine zwangsweise Wiederherstellung von Ordnung unter dem Banner der Tradition aus.“

 

Als ich zusammen mit meiner Frau knapp vier Jahre später nach dem Ende der Taliban-Zeit (2003) wieder Afghanistan besuchte, spürte man zu der Zeit noch das hoffnungsfrohe Aufatmen der Menschen, die überzeugt waren, dass es nun aufwärts gehen würde. Wir begrüßten deutsche ISAF-Soldaten auf ihrer Patrouille durch die „Chicken Street“ in der Kabuler Altstadt mit Handschlag. Wir besuchten die „AOR“. In den ersten vier Jahrgangsstufen wurde wieder wie früher eine Koedukation von Jungen und Mädchen praktiziert. Ebenso besuchten wir die Aishe-Durrani-Highschool“, eine Mädchen-Oberschule, deren Förderung der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer gegenüber der afghanischen Regierung durchgesetzt hatte als Voraussetzung dafür, die AOR weiter zu fördern. Hier gab es in den ersten vier Jahrgangsstufen auch Jungen.

 

Wie Sie sehen, ist „Bildung“ in Afghanistan nie ein Fremdwort gewesen, auch nicht vor 100 Jahren, so dass man dort folgende Aussage durchaus kannte:

                                              

Ø  Planst Du für ein Jahr – pflanze Reis.

Ø  Planst Du für 10 Jahre – pflanze einen Baum

Ø  Planst Du für 100 Jahre – bilde Menschen.                                                     Basis dafür ist die bestmögliche Ausbildung.

 

Meine Kinder sollen es mal besser haben“. Das sagten sich (und ihrer Familie) schon im Jahre 1915 (1293) zwei Landwirte, zum einen der Deutsche Karl Ruhe im Dorf Fuhlen bei Rinteln an der Weser, ca. 40 km entfernt von Detmold im damaligen Fürstentum Lippe, zum anderen rd. 5100 km entfernt Haji Said Ahmad in Maidan (Provinz Wardak), ca. 35 km entfernt von Kabul.

 

Nach dem Tode seines Vaters hatte der Landwirt Karl Ruhe nach dem an der Weser geltenden Erbrecht als ältester Sohn und „Anerbe“ den Hof seiner Familie mit 13 ha Land sowie einigen hinzu gepachteten Flächen übernehmen sollen. Karl Ruhe und seine Frau Anna hatten zu der Zeit zwei Söhne, Walter und Hellmut sowie eine Tochter, Gertrud. Karl Ruhe entschloss sich, seinen Kindern die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen, trat sein Erbe ab an seinen jüngeren Bruder Ludwig Ruhe und ließ sich entsprechend auszahlen, um eine neue Existenz in Detmold aufzubauen. Dort bestand ein 1602 von Graf Simon zur Lippe gegründetes Gymnasium, das Anfang des 19. Jahrhunderts von Graf Leopold II. als Neubau erstellte „Leopoldinum“. Nach dem Abitur studierte Sohn Walter Biologie für das Lehrfach an Höheren Schulen, Sohn Hellmut Brauwirtschaft („Hopfen und Malz, Gott erhalt´s“), eine der beiden Töchter namens Gertrud, meine Mutter (heute 95) besuchte die Handelsschule.

 

Der Enkel von Karl Ruhe und Sohn von Gertrud Kanne geb. Ruhe  arbeitete später als Stipendiat und Jungakademiker (1967) in Kabul und später als Mitglied des deutschen Dozententeams an der Wirtschaftsfakultät der Universität Kabul (1969-72); er veröffentlichte Arbeiten u.a. über die Finanzierung in der afghanischen Industrie, die es damals gab. In Kabul lernte er schon 1967 einen der beiden Söhne von Haji Said Ahmad kennen, Dipl.-Ing. Gholam Mohammad Farhad  und freundete sich mit dessen Sohn Salmei Farhad an. Ein ungewöhnlicher Kreis schloss sich.

     

Die weise Entscheidung von Haji Said Ahmad, im Jahre 1915 von der Provinz Wardak ins ca. 45 km entfernte Kabul umzuziehen und vorher seinen gesamten Besitz zu verkaufen, um dort seinen Kindern, vor allem den beiden Söhnen Gholam Mohammad und Gholam Sawar die derzeit bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen, führte zu einer großartigen Karriere – vor allem seines Sohnes Gholam Mohammad,. Beide Brüder, Gholam Sawar und Gholam Mohammad besuchten

die 1904 von König Habibullah (15. Emir von Afghanistan 1901-1919) gegründeten Oberschule „Habiba Lycée“ („Habibia High School“). Seine Erfahrungen gab er dann an seine Kinder später weiter: „Ihr musst lernen, nicht schummeln“.

 

Gholam Mohammad Farhad machte sich im Laufe seines Lebens für sein Heimatland verdient. Nach seinem Studium der Elektrotechnik an der Technischen Universität München (1921-27) arbeitete er als Lehrer und später als Generalpräsident der Afghanischen Elektrizitätswerke und als Oberbürgermeister von Kabul. Wer mehr über ihn erfahren möchte, findet hier eine ausführliche Darstellung des Werdegangs eines großen Repräsentanten afghanisch-deutscher Freundschaft.

 

Warum hat die afghanische Gesellschaft heute immer noch nicht „Tritt“ gefasst, obwohl seit Ende 2001 die internationale Gemeinschaft mehrere hundert Milliarden Dollar für den Wiederaufbau, vor allem aber auch die miltärische Sicherung des Landes ausgegeben hat? Was ist seit dem Ende der 40 „goldenen Jahre“ der Regentschaft von König Mohammad Zahir Schah (1933-1973)  schief gelaufen?

 

Alles begann mit dem Sturz durch seinen eigenen Vetter Mohammad Daud, dann sozialistische „Experimente“ einer Clique junger – in der Sowjetunion ausgebildeter – Offiziere, dann im Dezember 1979 die sowjetische Invasion mit dem Ziel der Stärkung ihrer sozialistischen Vasallen in Kabul mit nachfolgendem 10-jährigen Kampf gegen die Invasoren, die schließlich mit „afghanischem Blut und amerikanischen Dollars“ vertrieben wurden. Die Straßen im Lande waren kaputt durch die sowjetischen Panzer, die bis tief in die Täler Afghanistans – mit Ausnahme des Panjshir-Tals vorgedrungen waren. Die eigentlichen Zerstörungen der Infrastruktur – vor allem in Kabul - kamen danach durch den von 1979 bis 1996, also 17 Jahre anhaltenden „Bruderkrieg“, den Leute wie Gulbuddin

Hekmatyar, Abdul Rassul Sayyaf, Mohammad Qasim Fahim und Abdul Rashid Dostum (am 19.11.2009 als Vizepräsident Afghanistans vereidigt!), aber auch die „Ikone“ der „Nordallianz“ und afghanischer Nationalheld Ahmad Shah Massoud (der „Löwe von Panjshir“) zu verantworten hatten. Ich hoffe, mit diesem Namen keinen unserer afghanischen Freunde beleidigt zu haben. Ob Shah Massud es besser als Hamid Karzei geschafft hätte, die verschiedenen Ethnien Afghanistans zu  vereinen und zu versöhnen, kann ich als Ausländer nicht beurteilen. Da sind sich auch die Afghanen selbst nicht einig. Massud war jedenfalls im Alter von 48 Jahren zwei Tage vor dem 11. September 2001 einem feigen und hinterhältigen Mordanschlag der Al Quaida zum Opfer gefallen. Laut „Wikipedia“/Internet: „Massoud war ein tiefgläubiger Muslim und zugleich ein überzeugter Gegner extremistischer (wahabistischer) Interpretation des Islam wie sie die Taliban, Osama Bin Laden, das saudische Königshaus sowie bestimmte Kreise innerhalb Pakistans verfolgen.

 

Wie geht es weiter? Da es die westliche Allianz der ISAF versäumt hat, mit dem notwendigen Mut und unter dem sicheren Beifall der afghanischen Bevölkerung die Warlords zu entmachten, einen Teil von ihnen vielleicht sogar vor das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag zu bringen, beeinflussen diese Warlords heute noch maßgeblich die afghanische Politik. Wer über sie berichtet, lebt gefährdet. Das musste auch der afghanische Journalist und Warlord-Kritiker Sayed Yaqub Ibrahimi aus Mazar-i-Sharif erfahren, der nach sechsjähriger Berichterstattung über Kriegsverbrechen, Korruption und Menschenrechts-verletzungen der Warlords 2008 ins Exil floh. Finanziert durch Drogen- und Waffengeschäfte sei es ihnen nicht um die Verbesserung der Sicherheitslage und den zivilen Wiederaufbau eines Rechtsstaats und der Demokratie gegangen, sondern um die Erhaltung und Erweiterung ihrer Macht im Lande. „Warlods sind – wie die Taliban auch – Fundamentalisten. Sie denken ähnlich, tragen aber andere Kleider als die Taliban.“ Angabegemäß gäbe es 20 Warlords (andere Quellen nennen 100), von denen einige sogar Schlüsselpositionen in der afghanischen Regierung Karzei bekleideten. Das berichtete Ibrahimi als unabhängiger Journalist 2008 als Gast der Hamburger „Stiftung für politisch Verfolgte“. Seit 2004 habe er auch für das “Institut for War and Peace Reporting“ (IWPR) in London geschrieben. Seine Themen waren die Netzwerke der Warlords mit Al-Quaida, ihre Art der Geldbeschaffung u.a. über die Erhebung eigener Steuern, Waffen- und Drogenschmuggel.

 

Ein Jahr zuvor (2007) hatte Ibrahimi bei einer Veranstaltung der „Gerd-Bucerius-Law School“ in Hamburg über „Die tanzenden kleinen Jungen des Nordens“ berichtet, die  Tradition einiger Warlords, 12-jährige oder noch jüngere Knaben als „Spielkinder, Tänzer und Sexualpartner“ für besondere Feste einzusetzen. Für Ibrahimi war die Flucht ins Ausland wohl die richtige Entscheidung. Die öffentliche Behandlung seines in Nordafghanistan verbliebenen Bruders Sayed Parwez Kambaksh, der an der Balkh-Universität studiert, war nicht sehr angenehm. Ihm wurde 2008 der Prozess gemacht, nachdem er aus dem Internet einen 11-seitigen Bericht herunter geladen hatte, in dem für die Gleichheit der Rechte zwischen Mann und                                               

Frau plädiert wurde. Wie Sie sehen, meine Damen und Herren, es ist noch ein weiter Weg, den die afghanischen Frauen zu gehen und zu erleiden haben, bis auch bei ihnen die in der afghanischen Verfassung verpflichtend aufgeführte Gleich-berechtigung sie erreicht haben wird.

 

Kommen wir zu den Frauen, die auch in Europa lange für ihre Rechte kämpfen mussten, da auch hier die Männer nicht unbedingt bereit waren, ihre Macht mit ihnen zu teilen. Blicken wir heute nach Afghanistan, sehen wir die Frauen weitgehend als „Menschen zweiter Klasse“ mit eingeschränktem Zugang zu Bildung, Gesundheit und Arbeit. Ursache sind konservative Familien-Klans und Stämme, welche die Frauen häufig noch als Rechtlose ansehen. Infolgedessen muss man immer noch von

einer durchschnittlichen Analphabetenquote von ca. 88% ausgehen, die in den Städten niedriger, auf dem Lande höher ist. Mir berichtete kürzlich Herr Büttner von der Pädagogischen Leitung der VHS Ratingen über den Erfolg der in seinem Hause angebotenen Deutschkurse für Migranten. Mehrere Teilnehmerinnen hätten sich begeistert geäußert, erstmalig in einer Schriftsprache kommunizieren zu können. Solche Angebote der Erwachsenen-Bildung bieten inzwischen einige „NGOs“ (Nicht-Regierungs-Organisationen) auch in Afghanistan an. Zielgruppe sind die Frauen, die aufgrund der jahrzehntelangen Kriegswirren auf die Teilnahme an jeglichen Bildungsmaßnahmen verzichten mussten.

 

In Afghanistan gilt innerhalb der Klans und Stämme der strenge Ehrenkodex des „Pashtunwali“ Dieser steht für eine patriarchalische Gesellschaft, in der Ehre, Stolz, Würde, Kampfbereitschaft und Unabhängigkeit maßgebend sind. Wenn heute in der afghanischen Verfassung die Gleichheit von Mann und Frau angeführt wird, ist das nicht unbedingt „einklagbar“. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 - maßgeblich formuliert von Thomas Jefferson -: „All men are created equal“. Das hieß jedoch nicht, dass in der Praxis alle Menschen gleich sind, gemeint waren damals nur die Weißen. 

Der bereits erwähnte Journalist Ibrahimi beklagt, dass auch heute noch Entführungen und Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie Zwangsheirat minderjähriger Mädchen stattfänden, häufig aufgrund drängender Schuldenprobleme ihrer Familien. Bei uns gibt es aufgrund strenger gesetzlicher Regelungen und einer völlig anders eingestellten Bevölkerung zwar keine Zwangsheiraten, schon gar nicht von Minder-jährigen, aber über „Gewalt in der Ehe“ etc. wissen die Leiterinnen deutscher Frauenhäuser ebenfalls zu berichten. Ibrahimi: „das Land (Afghanistan) steht auf der Kippe zwischen Wiederaufbau und Rückfall in den Fundamentalismus“. Daran mitschuldig sei auch die fehlende gemeinsame Strategie der Internationalen Afghanistan-Friedenstruppen. Afghanistan sei

(noch) ein „Semi-Staat“ mit (noch) recht schwachen demokratischen Institutionen.

 

Lesenswert sind auch die im Internet auffindbaren Berichte von Tillmann Schmalzried, Afghanistan-Referent im Asien-Afrika-Referat der Berliner „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV). Vielfach zitiert in ZEIT-ONLINE. Er verweist auf den aktuellen „Menschenrechtsreport Nr. 65“. Unter der Überschrift „Zur Rolle der Taliban in den Provinzen Balkh und Sar-e-Pol“ wird dargestellt, dass die Warlords der Region den Taliban helfen, dort Fuss zu fassen. Damit stärkten sie den Widerstand gegenüber der afghanischen Regierung und den ausländischen Truppen als Ordnungsmacht. Hier rächt sich schon, dass unter der Führung der Amerikaner ab 2002 mit den Warlords auf „Partnerebene“ kooperiert wurde.

                                  

Was haben wir oder die afghanische Gesellschaft einer Wiederkehr der Taliban und einer erneuten Mullah-Herrschaft der Gestrigen entgegenzusetzen? Durchhalten bei den gigantischen Kraftanstrengungen einer landesweiten Bildungsoffensive, die dazu beiträgt, dass bis in die höchsten Täler Afghanistans, in den Provinzen und Tausenden von Dörfern die Botschaft dringt „Wissen ist Macht“, „Frieden durch Bildung“.

 

DAAD-Bericht über seinen Beitrag zum „Stabilitätspakt Afghanistan 2002-2009 - Bildung bedeutet Zukunft – Akademischer Aufbau in Afghanistan“. Im Vorwort schreibt die Staatsministerin im AA, Cornelia Pieper (FDP): „Investitionen in Bildung schaffen Sicherheit. Zugang zu Bildung ist Voraussetzung für Stabilität. Nur eine gebildete Bevölkerung wird in der Lage sein, den Aufbau des Landes auch aus eigener Kraft voranzutreiben. Nur durch Bildung können wir neue Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft finden“.

Wissen stärkt die Selbstständigkeit der Menschen, verschafft ihnen die Möglichkeit, nicht alles nachzubeten, sondern sich eine eigene Meinung zu bilden über das, was im Dorf, der nächsten Stadt, in ihrem Land oder in der Welt passiert. Das kann für die Männer unbequem werden, vor allem die „Machos“ unter ihnen, letztendlich aber sind auch sie stolz, wenn ihre Frauen und Töchter nicht nur Lesen und Schreiben können, sondern sich Fähigkeiten aneignen, durch eine Berufsausübung das Ansehen der Familie und das  Familieneinkommen zu steigern, vielleicht auch den „Brautpreis“ zu erhöhen. Mir hatte ein erzkonservativer Landwirt mal gesagt, Mädchen gehörten nicht auf die Schule, sie seien für den Haushalt zuständig, und später sollten sie ihren Mann erfreuen und viele Kinder gebären, möglichst natürlich Jungen. Als ich ihn fragte, von wem er im Krankheitsfall seine Frauen vorzugsweise untersuchen lassen wollte, von einem Arzt oder einer Ärztin, war seine Antwort spontan und nicht überraschend: „Natürlich von einer Ärztin“. Meine nachfolgenden Argumente können Sie sich vorstellen. 

Wie weit ist seit Anfang 2002 der Wiederaufbau Afghanistans, vor allem der afghanischen Zivilgesellschaft gelungen?

Einer der Schwerpunkte des Wiederaufbaus war der Straßenbau. Noch nie verfügte Afghanistan über ein inzwischen so umfassenderes Netz geteerter bzw. befestigter Straßen, die jedoch nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung genutzt werden können. Kabul hat sich zudem zu einer „Mega-City“ mit 5-6 Mio. Einwohnern entwickelt. Neue Trabantenstädte befinden sich im Aufbau. Moderne Einkaufszentren mit glitzernden Fassaden und Rolltreppen, Heirats-Hotels für 500 bis 1000 Hochzeitsgäste, zunehmend Hochhäuser, Luxus-Villen und ein tägliches Verkehrschaos zeigen eine Prosperität, die jedoch eher eine Scheinblüte ist, getrieben von Drogengeldern und Entwicklungsgeldern. Ausufernde Korruption, da man nicht weiß, wie lange man

noch Zeit hat, sich – notfalls im Ausland – ein angenehmes Leben zu ermöglichen.  

 

Die größten Fortschritte für die breite Masse hat es auf dem Bildungssektor gegeben: Von 1979-1996 war in Afghanistan in den meisten Provinzen außerhalb Kabuls kriegsbedingt kein geordneter Schul- und Hochschulbetriebbetrieb möglich. 1998 wurden dann von den Taliban alle Mädchenschulen geschlossen; von ihnen wurde nur ein Privatunterricht in „Homeschools“ geduldet, so dass es bis 2002, also 28 Jahre lang keinen geordneten Schulunterricht, keinen Schulabschluss, keine Lehrerausbildung mehr gab. Zudem waren viele Schulgebäude kriegsbedingt zerstört oder in schlechtem Zustand. Auch die Jungenschulen waren leistungsschwach. Als ich im August 1999 die von 1924 bis 1979 von Deutschland geförderte ehemalige Eliteschule „Amani-Oberrealschule“ besuchte, gab es fast keine Schulbücher. 

In Kabul gab es für ca. 800 Studenten einen geordneten Lehrbetrieb an der nur teilweise zerstörten Universität. Die Wirtschaftsfakultät verfügte sogar über eine gut geführte Fachbibliothek – allerdings seit 20 Jahren ohne Neuzugänge. Ich konnte damals die offiziell auch für Afghanistan zuständige Deutsche Botschaft in Islamabad dazu bewegen, 10.000 DM für die Neuanschaffung deutsch- und englischsprachiger Fachbücher bewegen. 

 

Seit 2002:

 

ü  Versiebenfachung der Schüler- /-innen auf rd. 7 Mio.

ü  Wiederherstellung oder Neubau von 3.500 Schulen

ü  40.000 Lehrer/-innen (benötigt werden > 80.000)

ü  62.000 Studenten/-innen (21% weibl.) an 22 Universitäten und Pädagogischen Hochschulen – Steigerung auf 115.000 bis 2014 erwartet (ohne die vielen neuen Privatuniversitäten); Jahresbudget derzeit USD 35 Mio.

ü  Insgesamt sind für 2010-2014 (1389-1393) USD 564 Mio. vorgesehen. 

 Die 1932 gegründete „Medical University Kabul“ hat heute 1.410 Studenten/-innen (34%), die größte aller afghanischen Universitäten, „Kabul University“ hat heute 13.350 Studenten (25% weibl.) an 14 Fakultäten. Sie plant in Übereinstimmung mit dem „National Higher Education strategic Plan 2010-2014“ einen Anstieg der Studenten/-innen auf 22.500 mit dann 900 Hochschullehrern/-innen. „Following the Vision „to transform Kabul University into an internationally recognized institution of teaching, learning and research, a center of innovative thought and practice serving Afghanistan and the global community.” Außerdem gibt es in Kabul noch die Technische Universität (“Polytechnikum”) mit 2.536 Studenten/-innen (3,9% weibl.) und die Pädagogische Hochschule mit 7.053 Studenten/-innen (33% weibl.).

Weitere Universitätsstädte mit jeweils > 1.800 Studenten/-innen sind Herat (5.781; 26% weibl.), Nangahar (6.446; 39% weibl. !), Khost (7.050; 3,8% weibl.) Takhar (1.863; 1% weibl.), Kandahar (2.518; 0% weibl. !) und Paktia (1.835; 20% weibl.)

 

Das Problem afghanischer Universitäten ist der Mangel an qualifizierten Dozenten/-innen. Von den 2009 vorhandenen 4.516 Lehrkräften (44% weibl.!), hatten nur 775 (31%) einen MA und 140 (5%) einen PhD bzw. Dr.; es gab zudem nur 2 Professorinnen. Um dem Mangel abzuhelfen, werde „teaching & learning programmes“ durchgeführt, um den Standard zu erhöhen.

 

Während es noch in 2001 – bis auf Kabul – keine nennenswerten Schulprojekte mit ausländischen Förderern aus Nordamerika oder Europa gab, sind seitdem viele hundert Schulen für Mädchen und Jungen gebaut worden, die weitgehend störungsfrei laufen, wenngleich diese Aussage für die Südprovinzen wie Wardak, Paktia, Paktika, Kandahar, Khost, Ghazni oder Hilmend nur für die Jungenschulen gilt.

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Eine Reihe von Mädchenschulen sind in den letzten drei Jahren abgefacket oder in Jungenschulen umgewandelt worden, während sich dort die Mädchen wieder auf private Homeschools umstellen mussten. Überraschenderweise nicht oder kaum davon betroffen ist die ostafghanische Provinz Nangahar, in der die „Kinderhilfe Afghanistan“ von Dr. Reinhard Erös erfolgreich auch große Mädchenschulen mit teilweise über 2000 Mädchen (3-Schicht-Betrieb) errichtet bzw. unterstützt. 

 

Bildungsoffensive effizienter als militärische Offensiven - Umfassende BILDUNG und Berufsbildung als „Rezept“ gegen den Fundamentalismus islamistischer Gruppen.

 

Neben den zahlreichen staatlichen Schulen in den 34 Provinzen Afghanstans gibt es schätzungsweise ca. 200 ausländische – vorwiegend deutsche - Hilfsvereine mit dem Schwerpunkt „Bildung“, die über 250.000 Schüler/-innen erreichen. Der größte deutsche Dachverband „VENRO“ (Verband Entwicklungspolitik deutscher Nicht-Regierungsorganisationen e.V.“) hat 118 Mitgliedsvereine, von denen 49 einen Afghanistan-Schwerpunkt haben in den Bereichen Bildung-Berufsbildung, Gesundheit, Grundernährung und Waisenfürsorge. Im Bereich der Schulförderung sind mir als die beiden größten bekannt. 

·         „Kinderhilfe Afghanistan“ in Mintraching bei Regensburg www.kinderhilfe-afghanistan.de Eine Stiftung der Familie Erös, die 55.000 Schüler/-innen erreicht

·         Afghanistan-Schulen in Osteinbek, nördl. Hamburg mit 25.000 Schülern/-innen.       www.afghanistan-schulen.de

 

Daneben gibt es zahlreiche weitere Schulprojekte. Alle diese NGOs berichten über die Lernbegeisterung der Schüler/-innen, aber auch den Mut der Schülerinnen, trotz teilweise gegebener  Bedrohung in die Schule zu gehen.

 

Die Gründerin des 1984 gegründeten Vereins „Afghanistan-Schulen“, Ursula Nölle, feierte auf ihrer Reise im Oktober 2010 ihren 86. Geburtstag und berichtete am 17.10.2010 per Email nach Deutschland: „Wir sitzen auf der Terrasse des Ausbildungszentrums in Andchoi. Ringsum bellen die Hunde, die Grillen zirpen, Frösche quaken und irgendwo wird eine Hochzeit mit lauter Live-Musik gefeiert. Auch das ist Afghanistan – nicht nur Krieg, Terror, Korruption und Armut“. „Auf unserer Reise zu den Projekten konnten wir in vielen Gesprächen spüren, dass trotz aller Probleme die Menschen im Aufbruch in eine bessere Zukunft sind. Im Straßenbild Kabuls hat sich einiges geändert. Neue Häuser werden gebaut, Straßen durch bepflanzte Mittelstreifen verbessert, Wasserrohre verlegt, viel mehr Frauen gehen ohne Burka zur Arbeit, zum Einkaufen oder zu Besuchen und abends blinken elektrische Lichter sogar an den Berghängen, wo immer mehr Menschen sich ein kleines Haus bauen. Nachts allerdings sind nur wenige Menschen unterwegs – aus Sicherheitsgründen. 

 

Ø  Afghanistan-Schulen e.V., Osteinbek bei Hamburg. Auszug aus „Informationen des Vereins“ vom August 2010 www.afghanistan-schulen.de

 

Ø  Nazo Deutschland e.V., Lohmar bzw. Schwesterverein „Afghan Luminous Sun – NAZO Professional Cooperation Center for Afghan Women“, Kabul www.nazo-support.org. Nazo Tokhay lebte um 1700, war Dichterin und Mutter einer nationalen Bewegung, die zur Gründung Afghanistans führte. Bis heute wird sie als „Großmutter Afghanistans“ verehrt. Als „NGO“ ein Beispiel erfolgreicher Erwachsenenbildung mit Schwerpunkt alleinstehender Frauen, i.d.R. Kriegswitwen mit heranwachsenden Kindern.

 

Inzwischen gibt es in Afghanistan vor allem in Kabul und einigen Provinzhauptstädten Ausbildungsplätze an Berufsschulen. Dies sollte ein neuer Schwerpunkt internationaler Förderung werden, um den Schul- bzw. Universitätsabsolventen den Einstieg in einen geeigneten Beruf zu erleichtern. Anderenfalls droht ein Riesenproblem in Form Tausender unzufriedener junger Menschen, die anfällig für extremistische „Werbeaktionen“ – auch der Taliban – werden könnten.   

NAZO: Gründung 2003 von Elke Jonigkeit, die seit 1979 Dokumentarfilme dreht, seit 1985 7 Filme in Afghanistan gedreht über die Denk- und Lebensweise afghanischer Frauen.Neuester Film (45 Min.): „Überleben in Kabul – eine Stadt und ihre Frauen“ www.circe-film.de Mitorganisator von NAZO Nurullah Ebrahimy.

Kürzlich hatte NAZO Kabul den Bezirksbürgermeister, örtliche Mullahs und einige ältere angesehene Personen des Stadtbezirks eingeladen zu einem gemeinsamen Gespräch. Vorgestellt wurden nach 18 Monaten Ausbildung die ersten Schmuckdesignerinnen, die über ihre Ausbildung inkl. Verkaufstraining berichteten sowie Kurse in Familienplanung, Gesundheits- und Rechtsfragen sowie Alphabetisierung. Positives Echo. Mai 2009 bis April 2010 15 Verkaufsausstellungen, davon 2 in Tadschikistan. Einnahmen >< € 15.000. 

Am 27.10.2010 Email von Elke Jonigkeit (erstmals kennen gelernt bei Vortrag in der VHS Ratingen. “Wir die NAZO-Frauen von Kabul, bauen am Rande der Stadt in einer völlig neu entstehenden Siedlung – einige Asphalt-Straßen verbinden sie bereits mit Kabul – ein neues NAZO-Zentrum, in dem drei Berufe ausgebildet werden: Textil-. Leder- und Schmuckdesign.. Der Unterricht soll im April 2011 beginnen.“

 

Herr Ebrahimy kam gestern (26.10.) aus Kabul zurück- er spricht davon, dass sich die Situation verbessert hat - vor allem auch die Sicherheitslage...Karzei vertritt jetzt direkter afghanische Interessen (nicht immer zum Wohlwollen der westlichen Staaten) und geht auch wohl gegen Korruption offensiv vor. – selbst seine eigene Familie verschont er nicht. Er wechselte den Innenminister, den Sicherheitschef und den Bürgermeister von Kabul aus.. Die Parlamentswahl wird weiter auf Unregelmäßigkeiten überprüft – noch steht das amtliche

Ergebnis nicht fest. ..Zu den Frauen kann ich nur sagen: der Prozess ihrer Selbstständigkeit ist nicht mehr umkehrbar! Das Bildungsbewusstsein ist in allen Schichten so stark gestiegen, dass sich die Frauen auch von noch so vielen Giftgas-Anschlägen (oder Schlimmerem) auf ihre Schulen nicht mehr in die Häuser zurück verbannen lassen. Natürlich ist dieser Prozess in Kabul (6 Millionen-Stadt) stärker zu erkennen als auf dem Lande, aber es war schon immer so: die Veränderungen beginnen in den großen Städten und ergreifen dann erst die kleineren und erst zum Schluss die ländliche Bevölkerung.“

 

Ein hoffnungsfroher Ausblick auf eine hoffentlich friedliche und erfolgreiche Entwicklung in Afghanistan zum Wohle seiner leidgeprüften Bevölkerung. Dazu kann man die internationale Gemeinschaft nur um Geduld bitten, denn die Absicherung einer langfristig positiven Entwicklung – ohne Taliban – erfordert noch zumindest weitere 10 Jahre einen starken militärischen Schutzschirm, unter dem die Verantwortung allmählich übergeht auf die afghanische Nationalarmee und Polizei, weiterhin Unterstützung im Bereich der Bildung, um die Schulen, Berufsschulen und Universitäten auf internationales Niveau zu bringen.

 

Dr. Jürgen Kanne

Ratingen, den 10.11.2010

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