Afghanic e.V.

Politische Parteien in Afghanistan

Politische Parteien in Afghanistan

1. Wich Zalmian: Im Jahre 1947 wurde diese Partei in Kandahar gegründet, wobei Paschtunen eine sehr große Mehrheit in ihrer Gründung stellten. Im Jahre 1950 begann sie im Zuge einer liberalen Gesetzgebung mit der Herausgabe von Zeitschriften (Angar, Nilab, Wolas, Aina und weitere). Einige dieser Schriften bildeten später die Basis zur Gründung politischer Gruppen. Mindestens zwei Gruppen aus den ethnischen und religiösen Minderheiten vereinigten sich und stellten das Gegengewicht zu Wich Zalmian. Unter diesen Publikationen begannen die Herausgeber Gholam Mohammad Ghobar ("Watan") und Abdulrahim Mahmudi "Nedai-Khalq" mit politischen Aktivitäten. So begannen ethnische Grenzen allgemeine politische Ideale unter ihren Schatten zu stellen.

2. Khalq und Parcham: Im Jahre 1964 mit der Verabschiedung einer liberalen Verfassung und mit dem Rücktritt von Mohammad Daud Khan vom Posten des Premiers bestanden gute Rahmenbedingungen für politische Aktivitäten. Im Januar 1965 wurde die "Demokratische Volkspartei Afghanistan (DVPA)" gegründet, Noor Mohammad Taraki wurde ihr Generalsekretär und Babrak Karmal sein Stellvertreter. Seit dem Anfang der Parteigründung bestand eine versteckte Konkurrenz der beiden wegweisenden Personen um den Parteivorsitz. Diese Konkurrenz stellte die Grundlage für Uneinigkeit und das Entstehen von zwei Fraktionen dar, diese Gruppen trennten sich schließlich aufgrund von ethnischen und Stammesbeziehungen.
Die Russen benötigten eine einheitliche und sich untereinander einige Partei, um ihre Interessen in Afghanistan und der Region verwirklichen zu können. Deshalb beschworen sie die Partei zu Einheit in Theorie und Praxis. Später bemerkten sie, dass der ethnische und stammesgesellschaftliche Aufbau der afghanischen Gesellschaft zu kompliziert war, als dass sie im künstlichen Rahmen einer einheitlichen Ideologie eine einheitliche Partei aufbauen könnten.
Unter Beachtung dieser Tatsache, dass das Zustandekommen einer einheitlichen Partei wegen der Freiheitsbestrebungen Moskau mit Schwierigkeiten konfrontierte, kam ein weiterer Grund hinzu, sich solcher Unterschiede zu bedienen.
Im Jahre 1968 wurde die DVPA aufgeteilt in zwei Gruppen, nämlich Khalq (=Volk) und Parcham (=Banner).
Noor M. Taraki und Babrak Karmal wurden ihre jeweiligen Vorsitzenden. Noor M. Taraki wurde die Aufgabe übertragen unter den Mehrheitsstämmen der Paschtunen Mitglieder anzuwerben und zu rekrutieren, während Karmal begann, Einfluß auf die ethnischen Minderheiten, insbesondere die Tadschiken zu üben und in dieser Aufgabe eine enge Freundschaft zur Gruppe Setame Milli (=nationale Unterdrückung) aufbaute. So war selbst die Ideologie des Marxismus-Leninismus nicht erfolgreich, trotz seiner äußerlichen Homogenität und Starrheit, die ethnischen Vorurteile zu überwinden und die Ziele für die Arbeiter und Eliten zu verwirklichen.
Die afghanischen Marxisten verwandten in einer solchen Gesellschaft, in der im nationalen Rahmen die Einheit der Stämme noch nicht erreicht war, den Slogan: "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!"

3. Setame Milli: Diese Gruppe wurde im Jahre 1965 gegründet und Taher Badakhschi wurde ihr Vorsitzender. Dieser hatte seine Partei mit Unterstützung der Russen und unter dem Schleier der marxistischen Theorie zur Schürung von ethnischen und stämmischen Uneinigkeiten positioniert. Diese Gruppe betrieb politische Aktivitäten unter den Minderheiten der Tadschiken, Usbeken, Turkmenen und Hazara im Norden Afghanistans und hat politisch unter dem Deckmantel des "Jihads" gegen die Paschtunen gearbeitet.
Hafizullah Amin bemerkte schließlich das politische und ethnische Kalkül und ließ Taher Badakhschi und seinen Stellvertreter umbringen. Khalq, Parcham und Setame Milli entsprangen der selben ideologischen Quelle und erhielten von der Sowjetunion finanzielle, politische, propagandistische und Waffenhilfe. Unterschiedliche Gruppen unter verschiedenen Namen und Emblemen zu unterstützen, diente den Sowjets dazu, die Ausbreitung der allgemeinen religiösen Werte zu verhindern, die der afghanischen Gesellschaft eine Einfarbigkeit verliehen, zu unterbinden. Sie bemühten sich durch die Annäherung an unterschiedliche Personen und Ethnien mit Hilfe ihrer untereinander uneinigen und verfeindeten Verbündeten, sich einer militärischen Intervention anzunähern.
Politische Macht zu polarisieren und dann den größten Teil der Staatsverwaltung zu übernehmen, sich Moskau anzunähern und von ihnen die meisten Hilfen zu erhalten, wurden zu den sichtbaren Auswirkungen der Konkurrenz von Khalq, Parcham und Setam. Diese Konkurrenz vervollständigte den Angriffsplan der Sowjets.

4. Scholae Jawed: Sie machte sich im Jahre 1968 unter dem Namen "Neue Demokratische Bewegung" bemerkbar und wurde später "Scholae Jawed" (=ewige Flamme) genannt. Der Name "Scholae Jawed" stammte von jener Zeitschrift unter dem selben Namen, deren Herausgeber Abdulrahim Mahmudi war. Scholae Jawed bediente sich des Marxismus- Maoismus um seine Absichten, das politische Leben und die finanziellen Möglichkeiten anzugleichen - im theoretischen Bereich - während sie den Wunsch hatte, in der Verwaltung, die ethnischen Minderheiten stärker zu beteiligen und ihnen mehr Macht zu geben. Unter der heuchlerichen Vorteilnahme aus der Anwerbung durch die marxistische Ideologie, fand sie viele Anhänger unter den Tadschiken und Hazaras.
Zusammenfassend haben die linken Parteien die marxistisch-leninistische Ideologie ausgenutzt, um politische Macht zu ergreifen. Unter dem Deckmantel des Internationalismus und der marxistischen Philosophie versuchten Parcham und Setam, Hilfe von den kommunistischen Regierungen der Sowjetunion zu bekommen, während Scholae Jawed, Paikar, Sama, Akhgar, Saza, Faza, Goafaz und weitere sich China näherten.
Für die Marginalisierung der paschtunischen Mehrheit als geschichtliches Führungsvolk gab es auf staatsinterner Ebene keinen anderen friedlichen oder gewaltsamen Weg.
Die russiche Invasion und die Übergabe der Macht an Babrak Karmal machte die Träume einiger dieser moskautreuer Gruppen zur Realität

5. Afghan Mellat: Jene schwierigen sozialen Umstände von den 60ern bis zum Jahrzehnt des Widerstands (den 80ern), die die afghanische Gesellschaft veränderten, wurden zum Anlaß für die Unscheinbarkeit einiger Gruppen, während neue Parteien sich bemerkbar machten. In einer Zeit, in der der afghanische Nationsgedanke stark bedroht war, blieb die Verteidigung dieses Gedankens als historische Aufgabe übrig.
Die Partei Afghan Mellat die im jahre 1966 unter Gholam Mohammad Farhad als Gegenreaktion des kommunistischen Internationalismus ins Leben gerufen wurde, blieb dem afghanischen Nationalismus verpflichtet und setzte ihre Aktivität in den Höhen und Tiefen des Konflikts fort. Sie gehört zu den wenigen die einen modernen Aufbau, darunter Sekretariat , oberster Rat, verschiedene Kommitees und Kongresse besitzt und ihre Aktivität per Programm und Satzung durchführt.
Im Laufe der Zeit verwandelte sich diese Partei in ein Sammelbecken von paschtunischen und teilweise anderen Stämmen, die feindseligen Angriffen von anderen ausgesetzt waren, welche von außen unterstützt wurden und auf der Suche nach politischer Macht waren.
Zur Zeit der russischen Invasion blieb sie auf Grund ihres Nationsgedanken und der Nichtverstrickung mit dem Ausland aus materieller Sicht als schwache, ihrem Ideal zufolge jedoch als starke Partei unter den Intellektuellen zurück.
Sie positionierte sich in der Auseinandersetzung zwischen linken und rechten Gruppen als sozialdemokratische Partei der Mitte und beteiligte sich unter dem Slogan "Gott, Heimat, Nation" am Widerstand der Afghanen.
Zu jener Zeit konnnte sie viele Menschen für sich gewinnen, außer Paschtunen auch Intellektuelle aus anderen Stämmen.
Die internationalistischen Parchamkommunisten setzten Afghan Mellat aufgrund seiner nationalen Gesinnung unter Druck. Im Jahre 1982 drohten Übergriffe seitens der Parcham-Regierung und einige der Führungspersonen wurden festgenommen. Anderen Führungspersonen, die nach Pakistan flüchteten, gab die pakistanische Regierung nicht die Erlaubnis, sich dort politisch zu betätigen wegen deren ideologischer Nähe zur Großafghanistanfrage.
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6. Widerstands- (Jihad)gruppen:

Allgemeines: Im Jahre 1964 wurde die "Bewegung der Islamischen Jugend" gegründet und folgende Personen waren ihre Anführer: Salam Niazi, Burhanuddin Rabbani, Mohammad Kabir, Mussa Tuana, Abdalrab Rasul Sayyaf.
Später kamen folgende Personen hinzu und vereinigten sich mit der ersten Riege: Abdulrahim Niazi, Maulawi Habibul Rahman, Gholam Rabbani, Doktor Omar, Saifal Rahman, Gulbuddin Hekmatyar, Mohammad Jan Ahmadzai, Faruq, Said Noorullah Omad und weitere.
Die Islamische Jugendbewegung trat bald nach ihrer Gründung in Kontakt zur "Ikhwan al Muslimin" (=Islamische Bruderschaft) des Mittleren Ostens und gab sich außerhalb Afghanistans ihre Legitimität. Maulana Modudi, der in den 60ern in Beirut lebte, pflegte regelmäßige Kontakte zur islamischen Jugendbewegung.
Solange der politische Kampf nicht von der Theorie in die Praxis umgewandelt war und die ausländische Unterstützung fehlte, gab es eine theoretische Verständigung unter der Ikhwani-Führerschaft.
Nach der militärischen Invasion der Sowjetunion spaltete sich die Islamische Jugend in verschiedene Gruppierungen auf nach geographischen, ethnischen, sprachlichen und religiösen Eigenheiten.

Quelle:
"Machtbildung in Afghanistan aus soziologischer Sicht"
von Prof. Dr. M. Osman Rostar Taraki
Peschawar 1998
Seiten 39 - 44
Übersetzt von Zemarai Ehsan

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