Friedrich Engels - Afghanistan
Geschrieben um den 10. August 1857.
Aus dem Englischen.
["The New American Cyclopædia", Band I]
<73> Afghanistan - ein weiträumiges Land in Asien, nordwestlich von
Indien. Es liegt zwischen Persien und Indien und, der anderen Richtung nach,
zwischen dem Hindukusch und dem Indischen Ozean. Früher umfaßte es
die persischen Provinzen Khorassan und Kohistan, dazu Herat, Belutschistan,
Kaschmir und Sind sowie einen beträchtlichen Teil des Pandschab. In seinen
gegenwärtigen Grenzen leben wahrscheinlich nicht mehr als 4.000.000 Einwohner.
Die Oberflächengestaltung Afghanistans ist sehr unregelmäßig;
hohe Tafelländer, weit ausgedehnte Gebirgszüge, tiefe Täler und
Schluchten. Wie alle gebirgigen Tropenländer bietet es eine große
klimatische Vielfalt. Im Hindukusch sind die hohen Gipfel das ganze Jahr hindurch
schneebedeckt, während in den Tälern das Thermometer bis auf 130°
<Fahrenheit (= 54,4° Celsius)> ansteigt. Die Hitze ist in den östlichen
Teilen größer als in den westlichen, aber im allgemeinen ist das
Klima kühler als in Indien, und obwohl die Temperaturunterschiede zwischen
Sommer und Winter und zwischen Tag und Nacht sehr groß sind, hat das Land
im allgemeinen ein gesundes Klima. Die häufigsten Krankheiten sind Fieber,
Katarrhe und Augenentzündungen. Zuweilen treten die Pocken verheerend auf.
Der Boden ist von einer üppigen Fruchtbarkeit. Dattelpalmen gedeihen in
den Oasen der sandigen Einöden, Zuckerrohr und Baumwolle in den warmen
Tälern, und europäische Obst- und Gemüsearten wachsen im Überfluß
an den Bergterrassen bis zu einer Höhe von 6.000 bis 7.000 Fuß. Die
Berge sind mit stattlichen Wäldern bedeckt, in denen Bären, Wölfe
und Füchse zu Haus sind, während sich Löwe, Leopard und Tiger
in Gebieten finden, die ihrer Lebensweise entsprechen. Auch fehlen nicht die
Tiere, die für den Menschen nutzbar sind. Es gibt eine hervorragende Schafzucht
aus der persischen oder fettschwänzigen Rasse. Die Pferde sind von gutem
Wuchs und <74> guter Abstammung. Kamel und Esel werden als Lasttiere verwendet,
und Ziegen, Hunde und Katzen gibt es in großer Zahl. Außer dem Hindukusch,
einer Fortsetzung des Himalaja, zieht sich im Südwesten eine Gebirgskette
hin, das sogenannte Salimangebirge; und zwischen Afghanistan und Balch verläuft
unter dem Namen Paropamis ein Gebirgszug, über den jedoch in Europa wenig
bekannt ist. Es gibt wenig Flüsse, die bedeutendsten sind der Hilmend und
der Kabul. Sie entspringen im Hindukusch, von wo der Kabul nach Osten fließt
und bei Attock in den Indus mündet; der Hilmend fließt in westlicher
Richtung durch das Gebiet von Sedschestan und mündet in den Zareh-See.
Der Hilmend hat wie der Nil die Eigentümlichkeit, jedes Jahr über
seine Ufer zu treten und befruchtet so den Boden, der außerhalb des Bereichs
der Überschwemmungen aus Sandwüste besteht.
Die wichtigsten Städte Afghanistans sind seine Hauptstadt Kabul, Ghasni,
Peschawar und Kandahar. Kabul ist eine schöne Stadt, auf 34° 10' nördlicher
Breite und 60° 43' östlicher Länge am Fluß gleichen Namens
gelegen. Die Häuser sind aus Holz, reinlich und geräumig, und da die
Stadt von schönen Gärten umringt ist, bietet sie einen sehr gefälligen
Anblick. Sie ist von Dörfern umgeben und liegt inmitten einer weiten, von
niedrigen Bergen umschlossenen Ebene. Ihr bedeutendstes Baudenkmal ist das Grab
des Kaisers Baber. Peschawar ist eine große Stadt mit einer auf 100.000
geschätzten Einwohnerzahl. Ghasni, eine Stadt mit bedeutender Vergangenheit,
einstmals die Hauptstadt des bedeutenden Sultans Machmud, hat seinen alten Glanz
eingebüßt und ist jetzt ein armseliger Ort. In seiner Nähe befindet
sich die Grabstätte Machmuds. Kandahar wurde erst 1754 gegründet.
Es liegt an der Stelle einer älteren Stadt. Einige Jahre war es die Hauptstadt,
1774 jedoch wurde der Sitz der Regierung nach Kabul verlegt. Es soll 100.000
Einwohner haben. Nahe der Stadt ist das Grabmal Schah Achmeds, des Gründers
der Stadt, eine so geheiligte Zufluchtsstätte, daß nicht einmal der
König einen Verbrecher herausholen lassen darf, der in seinen Mauern Schutz
gefunden hat.
Die geographische Lage Afghanistans und der eigentümliche Charakter des
Volkes verleihen dem Lande im Zusammenhang mit den Geschicken Zentralasiens
eine politische Bedeutung, die kaum überschätzt werden kann. Die Regierungsform
ist eine Monarchie, aber die Macht des Königs über seine stolzen und
ungestümen Untertanen ist autokratisch und sehr unsicher. Das Königreich
ist in Provinzen eingeteilt, die jeweils von einem Repräsentanten des Herrschers
verwaltet werden, der die Abgaben an den Staat einsammelt und sie in die Hauptstadt
schickt.
Die Afghanen sind ein tapferes, zähes und freiheitsliebendes Volk; sie
<75> beschäftigen sich ausschließlich mit Viehzucht und Ackerbau
und meiden Handel und Gewerbe, die sie voller Verachtung den Hindus und anderen
Stadtbewohnern überlassen. Der Krieg ist für sie ein erregendes Erlebnis
und eine Abwechslung von der monotonen Erwerbsarbeit. Die Afghanen sind in Clans
aufgeteilt, über welche die verschiedenen Häuptlinge eine Art feudaler
Oberhoheit ausüben. Nur ihr unbezwinglicher Haß auf jede Herrschaft
und ihre Vorliebe für persönliche Unabhängigkeit verhindern,
daß sie eine mächtige Nation werden; aber gerade diese Ziellosigkeit
und Unbeständigkeit im Handeln machen sie zu gefährlichen Nachbarn,
die leicht vom Wind der Laune aufgewühlt oder durch politische Intriganten,
die geschickt ihre Leidenschaften entfachen, in Erregung versetzt werden können.
Die beiden Hauptstämme sind die Durrani und die Ghildschi, die in ständiger
Fehde miteinander liegen. Der Stamm der Durrani ist der mächtigere, und
kraft seiner Überlegenheit machte sich sein Emir oder Khan zum König
von Afghanistan. Seine Einkünfte belaufen sich auf etwa 10.000.000 Dollar.
Unumschränkte Autorität genießt er nur in seinem Stamm. Die
militärischen Kontingente werden hauptsächlich von den Durrani gestellt,
der Rest der Armee rekrutiert sich entweder aus den anderen Clans oder aus militärischen
Abenteurern, die nur in der Hoffnung auf Sold oder Plünderei in Dienst
treten. Die Rechtspflege erfolgt in den Städten durch Kadis, aber die Afghanen
nehmen selten zum Gesetz ihre Zuflucht. Ihre Khans haben das Recht auf Bestrafung,
sogar bis zur Entscheidung über Leben und Tod. Die Blutrache ist Pflicht
der Sippe; trotzdem sollen die Afghanen, wenn sie nicht gereizt werden, ein
freisinniges und edelmütiges Volk sein, und die Rechte der Gastfreundschaft
sind so geheiligt, daß ein Todfeind, der als Gast Brot und Salz ißt,
selbst wenn er es durch List bekommen hat, vor der Rache geschützt ist
und sogar den Schutz seines Gastgebers gegen alle anderen Gefahren fordern kann.
Der Religion nach sind sie Mohammedaner von der Sunna-Sekte; aber sie sind ihr
nicht blind ergeben, und Verbindungen zwischen Schiiten und Sunniten sind keinesfalls
ungewöhnlich.
Afghanistan war abwechselnd der Herrschaft der Moguln und der Perser unterworfen. Vor der Ankunft der Briten an den Küsten Indiens gingen die feindlichen Invasionen, welche die Ebenen Hindustans überfluteten, immer von Afghanistan aus. Sultan Machmud der Große, Dschingis-Khan, Tamerlan und Nadir Schah nahmen sämtlich diesen Weg. Im Jahre 1747, nach dem Tod Nadirs, beschloß Schah Achmed, der die Kriegskunst unter diesem militärischen Abenteurer erlernt hatte, das persische Joch abzuschütteln. Unter ihm erreichte Afghanistan in der Neuzeit <76> seinen Höhepunkt an Größe und Wohlstand. Er gehörte zum Stamme der Saddosi, und seine erste Tat war, sich der Beute zu bemächtigen, die sein verstorbener Gebieter in Indien zusammengeraubt hatte. Es gelang ihm 1748, den Gouverneur des Moguls aus Kabul und Peschawar zu verjagen, und, nachdem er den Indus überquert hatte, überrannte er schnell das Pandschab. Sein Königreich erstreckte sich von Khorassan bis Delhi, und er führte sogar Krieg mit den Marathen-Staaten. Diese großen militärischen Unternehmungen hielten ihn indessen nicht davon ab, auch der friedlichen Künste zu pflegen, und er war wohlbekannt als Dichter und Historiker. Er starb 1773 und überließ die Krone seinem Sohn Timur, der jedoch der schweren Aufgabe nicht gewachsen war. Er gab die Stadt Kandahar auf, die von seinem Vater gegründet und in wenigen Jahren zu einem reichen und dichtbevölkerten Zentrum geworden war, und verlegte den Sitz der Regierung wieder nach Kabul. Während seiner Herrschaft lebten die von der starken Hand Schah Achmeds unterdrückten Stammesfehden wieder auf. Timur starb 1793, ihm folgte Seman. Dieser Herrscher wollte die mohammedanische Macht in Indien festigen, und dieser Plan, der die britischen Besitzungen hätte ernsthaft gefährden können, wurde für so bedeutsam erachtet, daß Sir John Malcolm an die Grenze geschickt wurde, um die Afghanen in Schach zu halten, falls sie irgendeine Bewegung unternehmen sollten; gleichzeitig jedoch begann man Verhandlungen mit Persien, um mit dessen Hilfe die Afghanen zwischen zwei Feuer nehmen zu können. Diese Vorkehrungen waren jedoch unnötig; Seman-Schah war mehr als ausreichend durch die Verschwörungen und Unruhen im eigenen Lande beschäftigt, und seine großen Pläne wurden im Keim erstickt. Der Bruder des Königs, Machmud, fiel mit der Absicht, ein unabhängiges Fürstentum zu errichten, in Herat ein; als dieser Versuch scheiterte, floh er nach Persien. Seman-Schah hatte bei der Erlangung des Throns Unterstützung durch den Stamm der Bairakschi gefunden, an deren Spitze Sarafras-Khan stand. Die Ernennung eines unbeliebten Wesirs durch Seman rief den Haß seiner ehemaligen Anhänger hervor, die ein Verschwörung organisierten, welche entdeckt wurde, und Sarafras wurde hingerichtet. Die Verschwörer riefen nun Machmud aus Persien zurück, und Seman wurde gefangengenommen und geblendet. Gegen Machmud, den die Durrani unterstützten, stellten die Ghildschi Schah Schudschah auf, der einige Zeit den Thron behauptete, aber schließlich vor allem durch Verrat seiner eigenen Anhänger besiegt und gezwungen wurde, bei den Sikhs Zuflucht zu suchen.
Im Jahre 1809 hatte Napoleon General Gardane nach Persien entsandt, <77>
um den Schah <Feth Ali-Schah> dazu zu bewegen, in Indien einzufallen,
während die britische Regierung in Indien ihren Vertreter <Elphinstone>
an den Hof Schah Schudschahs sandte, um diesen gegen Persien aufzustacheln.
In dieser Periode kam Randschit Singh zu Macht und Ruhm. Er war ein Häuptling
der Sikhs, und kraft seiner großen Fähigkeiten machte er sein Land
unabhängig von den Afghanen und errichtete ein Königreich im Pandschab,
wodurch er sich den Titel eines Maharadschah (oberster Radschah) und den Respekt
der englisch-indischen Regierung erwarb. Dem Usurpator Machmud war es jedoch
nicht lange vergönnt, seinen Triumph zu genießen. Fath-Khan, sein
Wesir, der jeweils zwischen Machmud und Schah Schudschah geschwankt hatte, wie
es ihm gerade sein Ehrgeiz oder das augenblickliche Interesse eingaben, wurde
von Kamran, dem Sohn des Königs, ergriffen, geblendet und später grausam
getötet. Die mächtige Sippe des getöteten Wesirs schwor, seinen
Tod zu rächen. Die Marionette Schah Schudschah wurde wiederum vorgeschoben
und Machmud vertrieben. Da indessen Schah Schudschah Ärgernis erregte,
wurde er bald darauf abgesetzt und an seiner Stelle einer seiner Brüder
gekrönt. Machmud floh nach Herat, das in seinem Besitz blieb, und nach
seinem Tode im Jahre 1829 folgte ihm sein Sohn Kamran als Herrscher über
dieses Gebiet. Der Stamm der Bairakschi, der nun die oberste Macht erlangt hatte,
teilte das Land unter sich auf, doch wie dort so üblich entzweite er sich
und war sich nur einig gegen einen gemeinsamen Feind. Einer der Brüder,
Muhammad-Khan, war im Besitz der Stadt Peschawar, wofür er an Randschit
Singh Tribut zahlte; einem anderen gehörte Ghasni, einem dritten Kandahar,
während Dost Muhammad, der mächtigste der Familie, in Kabul seine
Macht ausübte.
Zu diesem Fürsten wurde 1835 Hauptmann Alexander Burnes als Gesandter
geschickt, als Rußland und England in Persien und Zentralasien gegeneinander
intrigierten. Er schlug ein Bündnis vor, das Dost Muhammad nur zu bereitwillig
akzeptierte; aber die englisch-indische Regierung forderte alles von ihm, während
sie ihm absolut nichts als Gegenleistung bot. Inzwischen, nämlich 1838,
belagerten die Perser mit russischer Hilfe und Beratung Herat, den Schlüssel
zu Afghanistan und Indien; ein persischer und ein russischer Agent trafen in
Kabul ein, und Dost Muhammad wurde schließlich durch die ständige
Ablehnung jeder positiven Verpflichtung seitens der Briten gezwungen, Angebote
der anderen Seite entgegenzunehmen. Burnes reiste ab, und Lord Auckland, der
damalige General- <78> gouverneur von Indien, entschied sich unter dem
Einfluß seines Sekretäs W. Macnaghten, Dost Muhammad für das
zu strafen, was er ihm selbst aufgezwungen hatte. Er beschloß, ihn zu
entthronen und Schah Schudschah einzusetzen, der zu jener Zeit Pensionär
der indischen Regierung war. Es wurde ein Vertrag mit Schah Schudschah und den
Sikhs abgeschlossen; der Schah begann eine Armee zu sammeln, die von den Briten
bezahlt und von ihren Offizieren geführt wurde, und am Satledsch wurde
eine englisch-indische Streitmacht zusammengezogen. Macnaghten sollte, von Burnes
unterstützt, die Expedition in der Eigenschaft eines Gesandten in Afghanistan
begleiten. Inzwischen hatten die Perser die Belagerung von Herat aufgehoben,
und damit entfiel der einzige ernsthafte Vorwand zum Einschreiten in Afghanistan;
trotzdem marschierte die Armee im Dezember 1838 in Sind ein und zwang dieses
Land zur Unterwerfung und Zahlung eine Tributs zugunsten der Sikhs und Schah
Schudschahs. Am 20. Februar 1839 setzte die britische Armee über den Indus.
Sie bestand aus etwa 12.000 Mann und einem Lagergefolge von über 40.000,
neben den neuen Aufgeboten des Schahs. Im März wurde der Bolan-Paß
überschritten; Mangel an Proviant und Fourage begann sich bemerkbar zu
machen, die Kamele blieben zu Hunderten am Wege liegen, und ein großer
Teil der Bagage ging verloren. Am 7. April näherte sich die Armee dem Khojuk-Paß,
überschritt ihn, ohne Widerstand zu finden, und marschierte am 25. April
in Kandahar ein, das die afghanischen Fürsten, Brüder von Dost Muhammad,
aufgegeben hatten. Nach einer Ruhepause von zwei Monaten rückte Sir John
Keane, der Befehlshaber, mit dem Gros der Armee nach Norden vor und ließ
eine Brigade unter Nott in Kandahar zurück. Ghasni, das unbezwingbare Bollwerk
Afghanistans, wurde am 22. Juli eingenommen, nachdem ein Überläufer
die Nachricht gebracht hatte, daß das Tor nach Kabul als einziges nicht
zugemauert war; daraufhin wurde es gesprengt und dann die Festung gestürmt.
Nach dieser Katastrophe löste sich die Armee, die Dost Muhammad zusammengebracht
hatte, sofort auf, und am 6. August öffnet auch Kabul seine Tore. Schah
Schudschah wurde mit allen Zeremonien auf den Thron gesetzt, aber die Zügel
der Regierung blieben in Händen Macnaghtens, der auch alle Ausgaben Schah
Schudschahs aus der indischen Staatskasse bezahlte.
Die Eroberung Afghanistans schien abgeschlossen zu sein, und ein beträchtlicher Teil der Truppen wurde zurückgeschickt. Aber die Afghanen gaben sich keineswegs damit zufrieden, von den Feringhi Kafirs (den europäischen Ungläubigen) beherrscht zu werden, und während der Jahre 1840 und 1841 folgte in den einzelnen Teilen des Landes ein Aufstand dem <79> andern. Die englisch-indischen Truppen waren gezwungen, ständig in Bewegung zu bleiben. Doch Macnaghten erklärte, das sei der normale Zustand der afghanischen Gesellschaft, und schrieb nach Hause, alles sei in Ordnung und die Macht Schah Schudschahs festige sich. Vergeblich waren die Warnungen der englischen Offiziere und anderer politischer Agenten. Dost Muhammad hatte sich im Oktober 1840 den Briten ergeben und wurde nach Indien geschickt; alle Aufstände während des Sommers 1841 wurden erfolgreich unterdrückt, und gegen Oktober beabsichtigte Macnaghten, der zum Gouverneur von Bombay ernannt worden war, mit einer anderen Truppeneinheit nach Indien abzuziehen. Da aber brach der Sturm los. Die Besetzung Afghanistans kostete dem indischen Schatzamt jährlich 1.250.000 Pfund Sterling: 16.000 Soldaten - die englisch-indischen und die Truppen Schah Schudschahs - in Afghanistan mußten bezahlt werden; weitere 3.000 lagen in Sind und am Bolanpaß; Schah Schudschahs königlicher Prunk, die Gehälter seiner Beamten und alle Ausgaben seines Hofes und seiner Regierung wurden vom indischen Schatzamt bezahlt; und schließlich wurden die afghanischen Häuptlinge aus derselben Quelle subsidiert oder vielmehr bestochen, um zu verhindern, daß sie Unheil stifteten. Macnaghten wurde mitgeteilt, daß es unmöglich wäre, weiterhin diese hohen Geldausgaben beizubehalten. Er versuchte, Einschränkungen vorzunehmen, aber der einzig mögliche Weg, sie zu erzwingen, bestand darin, die Zuwendungen für die Häuptlinge zu beschneiden. An demselben Tage, an dem er das versuchte, stifteten die Häuptlinge eine Verschwörung zur Ausrottung der Briten an, und so war es Macnaghten selbst, der zur Einigung jener aufständischen Kräfte beitrug, die bislang einzeln und isoliert und ohne Übereinstimmung gegen die Eindringlinge gekämpft hatten; übrigens steht ebenfalls fest, daß der Haß auf die britische Herrschaft unter den Afghanen zu dieser Zeit seinen Höhepunkt erreicht hatte.
Die Engländer in Kabul wurden von General Elphinstone befehligt, einem
gichtleidenden, unentschlossenen, völlig hilflosen alten Manne, dessen
Befehle einander ständig widersprachen. Die Truppen nahmen eine Art befestigtes
Lager ein, das eine so große Ausdehnung hatte, daß seine Garnison
kaum ausreichte, die Wälle zu besetzen, geschweige denn, noch Abteilungen
zum Kampf im offenen Feld zu detachieren. Die Befestigungen waren so mangelhaft,
daß Graben und Schutzwehr zu Pferde überwunden werden konnten. Doch
dessen nicht genug, wurde das Lager noch von den kaum eine Gewehrschußweite
entfernten Höhen beherrscht; um jedoch die Unsinnigkeit der Maßnahmen
zu krönen, lagen der gesamte Proviant und alle Medikamente in zwei voneinander
getrennten Forts in einiger Ent- <80> fernung vom Lager, die noch dazu
durch ummauerte Garten und ein weiteres kleines Fort, das die Engländer
nicht besetzt hielten, von ihnen getrennt waren. Die Zitadelle von Kabul, Bala
Hissar, hätte feste und ausgezeichnete Winterquartiere für die ganze
Armee geboten, doch um Schah Schudschah gefällig zu sein, wurde sie nicht
besetzt. Am 2. November 1841 brach der Aufstand los. Alexander Burnes' Haus
in der Stadt wurde angegriffen und er selbst getötet. Der britische General
<Elphinstone> unternahm nichts, und da der Aufstand auf keine Gegenwehr
stieß, gewann er an Stärke. Völlig hilflos, allen möglichen
einander widersprechenden Ratschlägen ausgeliefert, brachte Elphinstone
sehr bald alles in eine solche Verwirrung, wie sie Napoleon mit den drei Worten
ordre, contre-ordre, désordre <Befehl, Gegenbefehl, Verwirrung>
bezeichnete. Selbst jetzt wurde Bala Hissar nicht besetzt. Gegen Tausende Aufständischer
wurden ein paar Kompanien geschickt und natürlich geschlagen. Das ermutigte
die Afghanen noch mehr. Am 3. November wurden die Forts nahe dem Lager besetzt.
Am 9. November nahmen die Afghanen das Versorgungsfort (das nur eine Besatzung
von 80 Mann hatte), und die Briten waren somit auf Hungerrationen gesetzt. Am
5. sprach Elphinstone bereits davon, freien Abzug aus dem Lande zu erkaufen.
Faktisch hatten seine Unentschlossenheit und Unfähigkeit Mitte November
die Truppen soweit demoralisiert, daß weder die Europäer noch die
Sepoys imstande waren, den Afghanen in offener Feldschlacht zu begegnen. Dann
begannen die Verhandlungen, in deren Verlauf Macnaghten bei einer Unterredung
mit afghanischen Häuptlingen ermordet wurde. Schnee begann die Erde zu
bedecken, der Proviant war knapp. Schließlich wurde am 1. Januar eine
Kapitulation unterzeichnet. Alles Geld, 190.000 Pfd.St., mußte den Afghanen
ausgehändigt und außerdem noch Wechsel über weitere 140.000
Pfd.St. akzeptiert werden. Mit Ausnahme von 6 Sechspfündern und 3 Gebirgsgeschützen
mußte die gesamte Artillerie und die Munition zurückgelassen werden.
Ganz Afghanistan mußte geräumt werden. Die Häuptlinge ihrerseits
versprachen sicheres Geleit, Proviant und Zugvieh.
Am 5. Januar marschierten die Briten ab, 4.500 Soldaten und ein Lagergefolge
von 12.000 Menschen. Ein Tagesmarsch genügte, um die letzten Reste der
Ordnung zu zerstören und Soldaten und Lagergefolge zu einem einzigen hoffnungslosen
Durcheinander zusammenzuwürfeln, wodurch jeder Widerstand unmöglich
gemacht wurde. Schnee und Kälte und der Mangel an Proviant hatten eine
Wirkung wie bei Napoleons Rückzug aus <81> Moskau. Doch während
die Kosaken in respektvoller Entfernung geblieben waren, wurden die Briten von
wutentbrannten afghanischen Scharfschützen gepeinigt, die, mit weitreichenden
Luntenschloßgewehren bewaffnet, alle Höhen besetzt hatten. Die Häuptlinge,
die die Kapitulation unterzeichnet hatten, waren weder fähig noch willens,
die Bergstämme zurückzuhalten. Der Khurd-Kabul-Paß wurde fast
der gesamten Armee zum Grab, und der geringe Rest, weniger als 200 Europäer,
fiel am Eingang zum Dschagdalok-Paß. Nur ein einziger Mann, Dr. Brydon,
erreichte Dschelalabad und konnte über das Vorgefallene berichten. Allerdings
hatten die Afghanen viele Offiziere ergriffen und in Gefangenschaft gehalten.
Dschelalabad wurde von Sales Brigade verteidigt. Man forderte von ihm die Kapitulation,
aber er lehnte es ab, die Stadt zu räumen. Ebenso handelte Nott in Kandahar.
Ghasni war gefallen; dort gab es nicht einen einzigen Mann, der irgend etwas
von der Artillerie verstand, und die Sepoys der Garnison waren dem Klima erlegen.
Inzwischen hatten die britischen Behörden an der Grenze sofort nach Eintreffen der ersten Nachrichten über die Katastrophe bei Kabul Truppen in Peschawar konzentriert, die zum Entsatz der Regimenter in Afghanistan bestimmt waren. Doch es fehlte an Transportmitteln, und die Sepoys wurden in großer Zahl krank. Im Februar übernahm General Pollock das Kommando, und gegen Ende März 1842 erhielt er neue Verstärkungen. Er überschritt dann den Khaiber-Paß und rückte zum Entsatz Sales nach Dschelalabad vor; hier hatte Sale wenige Tage zuvor die afghanische Belagerungsarmee völlig geschlagen. Lord Ellenborough, der neue Generalgouverneur von Indien, befahl den britischen Truppen, sich zurückzuziehen, aber sowohl Nott als auch Pollock fanden eine willkommene Ausrede in dem Mangel an Transportmitteln. Anfang Juli wurde Lord Ellenborough schließlich durch die öffentliche Meinung in Indien gezwungen, etwas für die Wiederherstellung der nationalen Ehre und des Ansehens der britischen Armee zu tun; dementsprechend genehmigte er ein Vorgehen auf Kabul sowohl von Kandahar als auch von Dschelalabad aus. Etwa Mitte August waren Pollock und Nott hinsichtlich ihrer Bewegungen zu einer Übereinstimmung gelangt, und am 20. August rückte Pollock auf Kabul vor, erreichte Gandamak und schlug am 23. eine Abteilung der Afghanen, überschritt am 8. September den Dschagdalok-Paß, schlug die vereinigten Kräfte des Gegners am 13. bei Tesin und bezog am 15. Lager unter den Wällen von Kabul. Inzwischen hatte Nott am 7. August Kandahar geräumt und war mit seiner ganzen Macht auf Ghasni marschiert. Nach einigen kleineren Treffen schlug er am 30. August eine große Abteilung der <82> Afghanen, besetzte am 6. September Ghasni, das vom Gegner aufgegeben worden war, zerstörte die Befestigungsanlagen und die Stadt, schlug die Afghanen noch einmal in ihrer starken Stellung bei Alidan und gelangte am 17. September in die Nähe von Kabul, wo Pollock sogleich Verbindung mit ihm aufnahm. Schah Schudschah war lange vorher von einem der Häuptlinge ermordet worden, und seither gab es keine reguläre Regierung in Afghanistan; dem Namen nach war Fath Dschung, sein Sohn, König. Pollock schickte eine Kavallerie-Abteilung, um den Gefangenen von Kabul zu Hilfe zu kommen; diesen war es jedoch gelungen, ihre Wache zu bestechen, und sie begegneten der Abteilung unterwegs. Als Zeichen der Rache wurde der Basar von Kabul zerstört, wobei die Soldaten einen Teil der Stadt plünderten und viele Einwohner niedermachten. Am 12. Oktober verließen die Briten Kabul und marschierten über Dschelalabad und Peschawar nach Indien. Fath Dschung, der sich in einer verzweifelten Lage befand, folgte ihnen. Dost Muhammad wurde nun aus der Gefangenschaft entlassen und kehrte in sein Königreich zurück. So endete der Versuch der Briten, in Afghanistan eine ihrer Kreaturen auf den Thron zu setzen.